Utsira´s Unabhängigkeitstag

Hoch oben im Norden, zwischen Nordsee und Atlantik, liegt die kleine Insel Utsira. Vom Wind blank geschliffen sind ihre Felsen, nur ein paar Gräser und Blumen, die über eine starke Haltekraft verfügen, können bestehen. Hier leben etwas über 200 Einwohner, wenn sich Besucher durchschlagen, dann sind es Segler und Angler. Arbeit gibt es nicht hier, sondern in Haugesund, auf dem Festland, oder in der Ölindustrie im entfernteren Stavanger.

Der Fischereibetrieb scheint vor kurzem eingestellt worden zu sein. Im Hafen liegt eine moderne Fähre, die die Insel täglich mit der Außenwelt verbindet.

Auf diesem kleinen Eiland hat die Zukunft bereits begonnen. Hier haben ein deutsches und ein norwegisches Energieunternehmen geschafft, woran viele Wissenschaftler und Techniker arbeiten: eine Energieversorgung für alle Einwohner bereit zu stellen, die ohne Gas, Öl und Kohle auskommt.

Weil genug Wind vorhanden ist, aber nicht zu jeder Zeit – es gibt sogar hier windstille Zeiten, vor allem aber heftige Stürme, während

dessen sich kein Rad drehen kann – musste die Aufgabe gelöst werden, den Wind einzufangen, zu speichern und immer dann, wenn die Windgeneratoren still stehen, Strom ins Inselnetz zu liefern. Üblich ist heute, dass die Windenergie lediglich als Zusatzenergie betrieben wird. Die Energiekonzerne, die Strom aus Kohle, Gas, Öl oder aus Uran herstellen, verweisen stets darauf, dass Wind eben gerade nicht 24 Stunden und das an 365 Tagen im Jahr zur Verfügung steht. Damit machen diese ihre Geschäfte und unser Klima kaputt.

Auf der Insel Utsira wird der überschüssige Wind dazu verwendet, Wasserstoff herzustellen. Dieser wird in modernen Anlagen am Fuße der beiden Windmühlen gespeichert und steht somit 24 Stunden am Tag und das 365 Tage im Jahr zur Verfügung, um immer dann, wenn er gebraucht wird, eine Brennstoffzelle zu betreiben, die den Wasserstoff mit Sauerstoff verbindet. Es entsteht Wasser, und die freigewordene Energie wird als Strom ins Netz geliefert. Klimaschonend, umweltbewusst und zukunftsfähig.

Zur höchst feierlichen Einweihung der Anlage vor einigen Jahren, auf die der Bürgermeister heute noch stolz ist, sollen sogar Ölscheichs vom Golf angereist sein. Denn auch im Orient hält man Ausschau nach Alternativen zur fossilen Energie. Die Endlichkeit sprudelnden Ölquellen (und somit die Endlichkeit sprudelnder Geldquellen) tritt auch dort zunehmend ins Bewusstsein.

Eine Wanderung rund um die felsige Insel dauert etwa drei Stunden. Utsira ist die kleinste Kommune in Norwegen. Sie hat eine Gemeindeverwaltung, einen Bürgermeister und – wie alle skandinavischen Kommunen – eine öffentliche Bibliothek. Einige schmale asphaltierte Straßen verbinden die Häuser untereinander. Ein kleines Hotel versucht die Angler, die es hier probieren wollen, an sich zu binden.

Allerdings trifft man auf dieser verlassenen Insel – wie so häufig in Norwegen – auf Hinterlassenschaften aus dem Zweiten Weltkrieg. Die deutsche Wehrmacht hat hier eine Stellung gebaut, von der aus die Mündungen der gegenüber liegenden Fjorde ins Visier genommen worden sind. Heute sind in diesen Bunkern Reste von Grillfeiern und leere Bierdosen zu finden…

Vor dem kleinen Supermarkt am Hafen stehen Tische und Bänke zum Verweilen. Zeit für alle scheint es auf dieser Insel genug zu geben. Zwei alte Männer sitzen in der Sonne, pulen mit ihren Stöcken Gräser aus dem Sand und trinken Bier, die Frauen kaufen ein und die Kinder fischen – wonach auch immer – im Hafenbecken. Ich setzte mich dazu. Wir sprachen über die Ebbe und die Flut, über einen gerade einlaufenden Segler und über Fischerboote, auf denen sie früher hinausfuhren, die es aber heute auf der Insel nicht mehr gibt. Auf meine Frage, was denn das Windenergieprojekt für sie bedeutet, bemerkte einer der beiden schlicht: „The oel gives more money.“ Mehr war hier darüber nicht zu hören.

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