Mit Windenergie zum Klimagipfel

Wismar – Kopenhagen – Wismar                                                                                                      
Dezember 2009
Gottfried Timm
Silke Gajek

9. Dezember: Wir sitzen im Auto von Jörn, der uns zum Hafen nach Wismar fährt. Die Lokalzeitung in Schwerin verabschiedet die Landesvorsitzende der GRÜNEN und den Energiepolitiker der SPD mit: „die wollen etwas tun für die Erde und die Zukunft unserer Kinder“ – recht so. Um 15 Uhr werfen wir die Leinen los, bald schon wird es dunkel. Um 18 Uhr liegt Poel achteraus. Ein leichter Wind weht aus Süd.  Wir segeln durch eine kalte, klare Nacht und fragen uns, wer wohl noch klimaneutral nach Kopenhagen reist – von einem Segler aus Greifswald mit den Klimapiraten an Bord wissen wir.  10. Dezember: Um 14 Uhr machen wir die Leinen fest im Hafen Dragör. Einige Fischer sind beim Klarieren ihrer Boote. Die meisten Segelschiffe stehen an Land. Wir setzen den Bullerofen in Gang und stoßen auf eine schöne Überfahrt an. Was erwarten wir von diesem Gipfel? Die NROs veranstalten nicht nur eine große Demonstration am Sonnabend, sondern haben auch eine Vielzahl niveauvoller Tagungen und Ausstellungen organisiert. Wir fragen uns: Kann es einen wirkungsvollen Beschluss geben, wenn die Wirtschaftweise und der Lebensstil in den reichen und in den aufstrebenden Nationen nicht grundlegend geändert wird?

11.Dezember: Draußen ist es kalt, fast null Grad, aber in der Kajüte wird es gemütlich warm. Wir trinken einen Frühstückskaffee und setzen uns dann in den Bus nach Kopenhagen. Viele Fernsehteams sind unterwegs, Gruppen von Vertretern aus der ganzen Welt, und auch etliche Leute aus Deutschland. Zwei Busse mit Mecklenburgern von den GRÜNEN und vom BUND sind auch da. Wir schauen uns die Stadt an, Fotoausstellungen zum Klimawandel, und besuchen den Sitz der dänischen Architektenkammer. Leider hat hier das Plakat mehr versprochen als dann zu sehen war: Thema sollten luftige Innenstädte sein, aber das ganze Haus war zu einer Festung für Fernsehteams geworden. So waren wir dann noch shoppen – es soll ja auch bald Weihnachten sein. Aber die Preise, die Preise… Wir machen uns wieder auf den Weg zum Hafen. Dann, unerwartet, Anrufe auf unseren Handies: DONGEnergy hat aufgegeben! Das Steinkohlekraftwerk in Lubmin wird nicht gebaut! Ein Jubel bricht aus in Kopenhagen – und auf unserer „Seeadler“. 10 Mio. t Kohlendioxid pro Jahr schon mal weniger auf unserer Erde … und wir stoßen an auf die engagierten Bürger, 12.Dezember: Heute ist der Tag der Großdemonstration. Man erwartet über 50000 Teilnehmer in der dänischen Hauptstadt. Wir treffen uns mit den Leuten aus Rostock und Schwerin vor der Christiansborg, dem dänischen Parlamentsgebäude. Es ist kalt. Stefanie hat sich sogar von Schwerin aus auf den Weg gemacht, in Erinnerung ihrer Demos in … . Ich habe mich mit Lisi verabredet, die die 11. Klasse in Kopenhagen absolviert. Vor der Christiansborg sind bis zum Mittag verschiedene Veranstaltungen mit großen Teilnehmerzahlen aus aller Welt. Um14 Uhr setzt sich der Zug in Bewegung. Bunt und mit vielen kreativen Ideen bei den Teilnehmern. Die GRÜNEN sind mit ihren Fahnen nicht zu übersehen, das macht ´was her! Die Leute vom BUND haben blaue Umhänge an, auch sehr schön. Engländer, Schweden, Amerikaner, Koreaner – viele von ihnen mit Musikinstrumenten, Masken und Fahnen. Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht aus dem Blick verlieren: Lisi, Stefanie, Silke und die anderen Teilnehmer aus Mecklenburg – Vorpommern. Wir Erschrecken: hinter uns werfen Krawalltouristen Böller in die Menge. Die Polizei ist sofort und massiv zur Stelle.
Vor dem Tagungsgebäude – es ist nun schon dunkel – leuchtend orange der riesige Ballon mit der Tonne Kohlendioxid. Über 100000 Leute sind inzwischen auf den Straßen und Plätzen. Die ganze Stadt nimmt Teil und Anteil an der Klimakonferenz – „Hopenhagen“ eben. Ein schönes Gefühl, dabei zu sein.  Ich denke, man kann als einzelner vielleicht nicht so viel tun, aber man muss doch auf jeden Fall auf der richtigen Seite stehen. Nach Abschluss ist die S – Bahnhöfe völlig überfüllt – so trampen Silke und ich zurück zum Hafen, und haben Glück: zwei Pakistanis nehmen uns mit. Auf dem Schiff angekommen legen wir unsere Beine hoch und stoßen mit einem trockenen Rotwein an. Das war ein guter Tag.

13. Dezember: Um 10 Uhr werfen wir die Leinen los, die „Seeadler“ geht auf Kurs Süd. Ein klarer, kalter, sonniger Tag, leichter Wind aus Nordwest. Laut Wettervorhersage soll der Wind schwach bleiben. Bald wird es wieder dunkel, wir haben fast die kürzesten Tage im Jahr – und die Nacht sternenklar. 

14.Dezember: Bei Sonnenaufgang – gegen 8 Uhr – haben wir Gedser im Kielwasser. Wir kreuzen das Fahrwasser. Unglaublich, wie rasant der Schiffsverkehr auf der Ostsee zunimmt. Wir müssen einen russischen Frachter vorbeilassen und drehen kurze Zeit bei. Am Tage haben wir dann ein eigentümliches Wetter: tiefe Wolkendecke, aber klare Sicht bis zum Horizont. Wir erkennen rundum die dänische Küste mit dem Windpark vor Nysted, die Insel Fehmarn und die Rauchfahnen des Rostocker Kohlemeilers sowie des Wismarer Holztrockenwerkes. Letztere steht mehrere Stunden wie ein Menetekel vor uns, als wollten sie die Verletzlichkeit unserer Atmosphäre nochmal deutlich unterstreichen. Abends um 17 Uhr machen wir wieder in Wismar fest. Es war ein schöner Wintertörn:
Wir sind unter Segel gereist, haben die Atmosphäre geschont und konnten die Freiheit geniessen -wie absurd, dass die schnelle Mobilität heute einen so großen Preis hat.

19. Dezember: Der Klimagipfel ist gescheitert. Wir sind entsetzt. „Verbrecher“ und „Versager“ werden die Staatschefs beschimpft. Große Erwartungen hatten wir nicht, denn die mächtigen Wirtschaftskonzerne haben die Politiker fest im Griff. Aber ein so schlimmes Ergebnis hatten wir doch nicht befürchtet. Aus diesem Griff können sich nur die Menschen selbst befreien: wache und engagierte Bürger der ganzen Welt, denen unsere Erde und die Zukunft unserer Kinder nicht egal ist.  Wenn dieser Gipfel eines zur Folge haben wird, dann dieses: die Wut wird wachsen. Der nächste Klimagipfel wird kommen.

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