2013: Tromsö – Spitzbergen – Lofoten – Kristiansund

Der Sonne entgegen: 26. Juni – 3. Juli:

Mitternachtssonne

Vom Norden Norwegens ablegen, den Bug gen Norden gerichtet, und bei blauem Himmel die Mitternachtssonne über dem Horizont stehen sehen. Ein unwirkliches Erlebnis. Wo die Nacht war und und für viele auch die Welt zuende, dorthin zieht uns das Licht und das Meer.Recherchebreen

Silke Gajek und ich sind fünf Tage gesegelt, natürlich nicht nur unter der arktischen Sonne, sondern auch durch Nebel und Regen hindurch, und haben schlagende Segel in der Flaute genauso erlebt wie kräftigen und eisigen Wind.

Der Anker fiel dann im Bellsund, 60 sm nördlich vom Südkap Spitzbergens. Vor dem Recherchebreen, der seinen Namen einer frühen französischen Expedition verdankt, hat uns diese wilde Inselwelt der Artis begrüßt. Am nächsten Tag sind wir an den Gletscher heran gefahren und staunten nicht schlecht, dass die Abbruchkante weit hinter der kartografierten Gletscherkante liegt. Wir näherten ihr uns bis auf wenige Meter.
Dieser Gletscher zieht sich zurück, wir spürten fast körperlich, wie dieser uralte Eisrücken sein Leiden an der Erderwärmung nicht mehr zu verbergen vermag.

Wie diesem Gletscher geht es vielen anderen auch: sie schmelzen dahin. Im letzten Jahr war die Eisbedeckung der Arktis so dünn wie noch nie, so lange diese gemessen wird.

3. – 4. Juli:

Weiter nördlich, am Eingang des Isfjords, liegt die russische Bergbausiedlung Barentsburg. Dort machten wir die SEEADLER an einem ganz und gar wackeligen und rußigen Ponton fest. Diese Kohlemine hat die Sowjetunion im Jahre 1932 den Holländern abgekauft – und den Namen belassen, welcher an den Entdecker Spitzbergens und großen niederländischen Arktisforscher Willem Barents (1550 – 1597) erinnert.Barentsburg

Wir kletterten an Land und stiegen eine steile Treppe den Hang zur Siedlung hinauf. Dort staunten wir nicht schlecht, als wir hinter einem Denkmal für Wladimir Iljitsch Lenin einen großen weißen Banner “den Sieg des Kommunismus” verkünden sahen.

Die Realität war allerdings eine ganz andere. Wir wateten durch ölig – rußige Wege und wußten nicht genau, ob diese schmierige Luft aus dem Gestein empordringt oder allein aus dem Schornstein des örtlichen Kraftwerkes quillt. Der Ort findet sich im Aufbau und Verfall zugleich. Der Sportpalast bekommt eine neue Fassade, die Kohlegesellschaft ARKTIKUGOL sitzt in einem neuen Gebäude, und das Krankenhaus wurde modern errichtet. Dann stiegen wir jedoch bei unserer Expedition quer durch diese ca. 400 russische Menschen beherbergenden Exklave durch offene Kabelschächte, über zerfallenen Fernwärmeleitungen und standen immer wieder vor kaputten Holzhäusern, die unbewohnbar waren. Oder besser: schienen. Denn wir schlichen uns in ein solches Gebäude hinein und fanden nicht nur Licht in den überheizten Fluren, sondern auch Zigarettenqualm, der uns aus angelehnten Türen entgegen zog. Bergarbeiterleben today? Man erzählte uns vom Streik, der derzeit das Arbeitsleben lahm legt. Grund dafür sei, dass vor ein paar Jahren die Steinkohlestollen brannten, die Minengesellschaft dann die Stollen fluteten und heute die Gefahr real ist, dass sie beim weiteren Abbau von Kohle in sich zusammen fallen.

Uns zog es wieder zurück aufs klare und weite Meer, vorher aber suchten wir noch die Kantine auf. Dort erfuhren wir, dass es kein offizielles Zahlungsmittel in Barentsburg gibt. Die dort lebenden Bergarbeiterfamilien zahlen mit einer Kreditkarte, über die die Leistungen direkt von ihrem Gehaltskonto abgebucht werden. Ebenso im MAGAZIN, dem örtlichen Mini – Shop. Schließlich bekamen wir aber doch noch einen Topf mich echtem russischen und schmackhaftem Borschtsch serviert.

Wieder am Hafen hatten wir echt zu tun mit unserer Reinigung von diesem schwarzen und klebrigen Schmierfilm. Hier leben in einer so imposanten und einmaligen arktischen Inselwelt Menschen ohne Beziehung zu diesem natürlichen Reichtum und offenbar ohne eigene Möglichkeiten, die kulturellen und geistigen Traditionen der hier lebenden Vorfahren zu achten. Schnell legten wir ab und waren froh, alsbald wieder saubere arktische Meeresluft atmen zu können.

5. – 8. Juli:

Hafentage: Zeit zum Einkaufen, Besichtigungen, Internet. Der Hafen von Longyearbyen ist hochfrequentiert: Zwei Kreuzfahrtschiffe machen pro Tag an der Pier fest, ein trubeliges Treiben an der Kaikante. Wie in einer langen Prozession zogen die buntgekleideten Passagiere hinauf in die Siedlung, zerstreuten sich in die Butikken, Museen und Restaurants und kamen, offenbar zufrieden, mit neuen Fellmützen und gefüllten Plastikbeuteln wieder zu ihrem Schiff zurück. Es sollen pro Jahr 57.000 Touristen per Schiff ankommen und 110.000 Fluggäste landen, dazu noch um die 40 private Segelyachten.

Wassersportler sind hier etliche unterwegs: im Kajak, im Segelschiff auf eigenem Kiel, auf modernen und klassischen Charteryachten (alten Frachtseglern), im RIB – Boot (großen und schnellen Schlauchbooten). In der Siedlung warten überall die Snowscooter auf neue Kundschaft, die bald nach jedem kurzen Sommer wieder über die schneeverwehten Hänge dröhnen werden. Und Huskies: Schlitten warten in den Lagergestellen, und solange der Sommer weilt, gibt es Huskiefahrten auf Rädern.

Dieser winzige Punkt in der arktischen Eislandschaft hat sich in 100 Jahren von einer kleinen Bergbausiedlung zum Mekka für die fit – for – fun – society entwickelt. Allerdings gibt es auch sehr individuelle Angebote, die behutsam in die arktische Fjord- und Gletscherlandschaft führen, mit Zelt und Kajak, und die einen direkten Eindruck von Flora und Fauna in diesen hohen nördlichen Breiten vermitteln können. So trafen wir in einem Fjord eine Gruppe von Campern, die mit mehreren Kajaks dort unterwegs waren. Andere haben auf gleiche Weise die gesamte Inselgruppe von Svalbard umrundet.

Ich frage mich, ob die Besucher von hier mit einem Gefühl für die Verletzlichkeit dieser Landschaft wieder abreisen und hier neu lernen, achtsamer in ihrer Umwelt zu leben, oder ob sie nicht registrieren, dass sie selber ein Teil dieser Verletzlichkeit geworden sind.

Die SEEADLER jedenfalls legt wieder ab, Silke ist zurück geflogen, und an Bord ist Stefan gekommen. Wir wissen: bereits nach einer Stunde sind wir wieder in den weißen Nebel des hohen Nordens eingetaucht. Unser Kurs geht weiter, an der Westküste von Spitzbergen hinauf, und dann zurück zu den Lofoten.


8. – 14. Juli:

Reise nach Süden: Spitzbergen liegt schon länger achteraus, zuletzt unter einer leichten Nebeldecke. Das Thermometer zeigt auf 4 Grad, Wasser und Luft gleichermaßen. Es ist noch immer kalt auf der SEEADLER. Dieses Land wurde Svalbard genannt, ein Name, der vor vielen, vielen Jahrhunderten gefunden wurde für ein „kaltes Land“. Seine Bergketten ziehen sich weiß unter Eis und Schnee dahin, eine zarte grüne Tundralandschaft jedoch macht sich für den, der seinen Fuß auf dieses Land setzt, in stillen und geschützten Fjorden breit. Ein einsames Land am Ende der äußeren Welt. Die Sonne steht in diesen Sommermonaten mit ihrem hellen, kalten Licht Tag und Nacht über dem Horizont, ist verwoben im milchig schimmernden Nebel und lässt alle unsere Vorstellungen von Zeiten und Rhythmen zerfließen.

Der Nordwind schob uns nach Süden, die See war wegen des flachen und gegliederten Reliefs unter Wasser unruhig, die Wellen liefen kurz und quer durcheinander. Hier, am Südkap, möchte ich keinen Sturm abwettern müssen, nicht der Kälte wegen, aber schon gar nicht der unkalkulierbaren turbulenten Seeverhältnisse wegen.

Wir zogen weiter, immer nach Süden, der norwegischen Küste entgegen, und hinter uns bleibt eine seltene, unwirtliche und aufschlussreiche Begegnung zurück, die auch eine innere Wanderung in die entfernten Regionen der eigenen inneren Landschaft gewesen war. Es sind diese unbekannten und fremden Orte, die uns Aufschlüsse gegen über uns selbst. Ich hoffe sehr, dass sie geachtet bleiben.

19. Juli:

Nach einem längeren Törn mit Zwischenstopp auf der sehr schönen Insel Senja liegt die SEEADLER nun in Henningsvaer am Fuße der Lofoten. Ein quirliger Fischerort, zunehmend erkannt von den Touristen. Ich war nun schon oft hier in dieser grandiosen nordischen Gebirgslandschaft und muss hier wohl etwas verloren haben …

Die zurückliegenden Wetterverhältnisse haben geboten, was das Zeug hielt: Viel Wind auf die Nase, dazu Regen ohn´ Unterlass, gefolgt von sonnigen Stunden und ausgedehnte Flauten. Das Wetter kann hier in wenigen Stunden komplett wechseln, und dann geht es flugs nach vorn in die aufkommende Gischt und hoch mit dem Sturmklüver.

Das schönste: Auf dem Meer bekam ich eine Enkeltochter. Edith und Clemens wurde am 13. Juli ein hübsches und prachtvolles Mädchen geschenkt, sie heißt Luise. Dieses wunderschöne und freudige Ereignis wurde dann auf der SEEADLER bei Kaffee und Kerze gebührend gefeiert.

Und jetzt kommt wieder ein Mannschaftswechsel: ich erwarte in Bodö meinen Enkelsohn Norwin und Wiebke mit Norwins Freund Moritz und Tina, seiner Mutter – für einen weiteren Lofotentörn

27. Juli:

Vaeroy:  Drei – Generationen – Segeln. Für die SEEADLER ein novum.  Umstellung für alle: die Kinder müssen die Aufgabe lösen, ihren Bewegungsdrang zu reduzieren. Insofern ist jeder Hafen willkommen. Steine sammeln, mal wieder richtig rennen, Seekrankheit vergessen. Wiebke nimmt den Dorsch aus, der uns beim Festmachen überreicht wurde. Tina kocht. Gottfried erklärt den „Matrosen“ die Segelei.

bis zum 2. August: Entdeckungen am Fuße der Lofoten:

20. August:

Wir liegen fest in Rörvik, einem unromantischen Fischereihafen, allerdings mit einem modernen Museum über die regionale Geschichte. Schön gemacht.

Seit drei Tagen fegt ein Sturm über unser Kajütdach hinweg. Zuerst hatten wir blauen Himmel und wenig Wind, und nun heftigen Gegenwind aus Süd, genau aus der Richtung, in die wir weiter segeln wollen. Wir liefen also wieder die Insel Myken an, die wir aus vergangenen Segelsommern bereits kannten. Im Winter leben auf diesem Eiland sieben Einwohner, im Sommer an die zweihundert. Eine liebliche Insel, auf der ein anderes und leichtes Leben möglich scheint. Wir suchten das Insellädchen auf, das zwei Stunden am Tag öffnet und vor dessen Eingang ein paar Inselbewohner bei gemütlichen Plausch in der Nachmittagssonne saßen. Drinnen gab es warme Waffeln mit Sauercrem und Erdbeermarmelade. Wir kauften ein paar Lebensmittel ein und wollten bei der Kasse Geld tauschen. Weil aber unsere Kreditkarten nicht akzeptiert wurden, schickte man uns mit vollem Rucksack und 700 norwegischen Kronen auf die Reise, im Vertrauen darauf, dass wir von zuhause aus den Betrag auf die Insel überweisen werden.

Nun liegen wir also in Rörvik, vor uns noch über 500 Meilen bis zur Südspitze Norwegens. Zeit zum Lesen, Kochen, Fotografieren, Schiffsarbeiten. Weit weg ist das Ziel, in der nächsten Woche die mecklenburgische Küste zu erreichen. So ist es mit den Plänen, wenn man unter Segeln unterwegs ist: sie sind schnell verflogen. Morgen kann es wieder weiter gehen, mal sehen, wie weit wir in der nächsten Woche kommen werden.

29. August:

Wir sind wieder zuhause, aber ohne die SEEADLER. Das Wetter war seglerisch „suboptimal“: nun liegt unser Schiff im Stadthafen von Krisiansund und wartet auf den nächsten Sommer. Hinter uns liegen noch einmal ein paar wunderschöne Inseltage. Wir besuchten den atlantischen Vorposten Halten, eine ehemalige Fischersiedlung, die von einem hohen Leuchturm überragt wird. Wie viele andere Inseln, die weit draußen im Meer liegen, wandeln sich diese Orte von ehemaligen Fischer-  zu heutigen Ferienorten. Für uns gab es zwei Gruppen: Die einen, die man mit Auto erreichen kann, und die anderen, die allein per Schiff erreichbar sind. Die letzteren sind die paradiesischen.

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