2011 – Durch Russland und rund Skandinavien

Die erste Etappe: Von Wismar nach St. Petersburg

21. Mai – 5. Juni: Die Sonne schien, die Rapsfelder leuchteten, die Poeler Kirche winkte mütterlich herüber, als die SEEADLER die Wismarer Bucht durchquerte. Zum Auftakt dieser Sommerreise waren Stefanie und Frida mit an Bord. Hinter uns lagen anstrengende und umfangreiche Vorbereitungen – vor uns die bange Frage, ob die Reise durch Karelien, das Weiße Meer und um das Nordkap herum auch klappen würde. Denn die bürokratischen Hürden, die die russischen Behörden aufgebaute haben, waren immens.

Wir hatten uns für den Abend mit der LUNA im Reriker Salzhaff verabredet. Auf dieser leuchtend roten Stahlyacht segeln zwei segelerfahrene Frauen, Ulrike und Astrid. Astrid und ich haben die Reise durch Rußland gemeinsam geplant. Bald hinter Poel machten wir uns aus, und so verbrachten wir auf der LUNA einen schönen gemeinsamen Grillabend.

Für den nächsten Tag waren Gewitter vorhergesagt. Wir liefen Kühlungsborn an, wo ich meine Crew an zum Molli brachte. Bald legte ich wieder ab, einhand nach Visby, und fand mich unvermittelt vor der Ansteuerung Warnemünde in einem Hexenkessel wieder: Die Segel knatterten, Surzbäche gossen sich über das Deck, grau und aufgepeitscht war die See und die SEEADLER pflügte – gefährlich nah – an der Gedserfähre PRINZ JOACHIM vorbei. Als der Spuk vorüber war, ging ich für die Nacht hinter dem Haken von Darßer Ort vor Anker: Ofen an und Sachen trocknen.

Am nächsten Morgen steckte ich den Kurs auf die zu Schweden gehörende Insel Gotland ab. Klare Luft und eine stabile Westlage versprachen einen schönen Törn – und so war es dann auch: ich erinnerte mich an die Jungfernfahrt der SEEADLER im Sommer 2007, als Stefanie und ich bei starkem Südwest drei Tage und Nächte von Ölands Nordspitze nach Hiddensee kreuzten. Nun ging die Reise bei der gleichen Wetterlage in umgekhrte Richtung, es war Segeln wie im Bilderbuch.

In Visby nahm ich mir die Zeit, die ich vorher vermisst habe, um an der SEEADLER weitere und letzte Vorbereitungen für den Russlandtörn zu treffen. Im Hafen, der noch erfreulich leer war, stand ein unangenehmer Schwell. Und es gab Gelegenheiten, diese schöne mittelalterliche Stadt mit ihrer freundlichen Umgebung bei herrlichem Frühliungswetter zu genießen.

Nun ging es weiter, zusammen mit Thomas, der für den Schlag nach St. Petersburg mit an Bord kam. Wegen der anhaltend guten Wetterlage – stabiler Wind aus westlichen Richtungen – planten wir den ersten Stop in Kuressaare auf der estnischen Insel Saaremaa. Ein neuer, gepflegter Hafen in wundervoller Umgebung. Dann segelten wir zwischen den Inseln und dem Festland Estlands hindurch, trafen mit Ausnahme zweier Fähren weder Berufs- noch Sportschiffe an (und vermuteten hier die späten Ausläufer der Wirtschaftskrise als Ursache) und machten im ehemaligen Olympiahafen Tallin fest. Ein Jammerspiel: eine riesige Anlage mit Bettenhäusern, Hallen und Stegen, welche offensichtlich wirtschaftlich nicht zu betreiben ist (auch nicht mit dem Obolus von 6 € für eine Morgendusche zu zwei Personen). Alles im Verfall. Überrascht waren wir allerdings sehr von der hanseatischen, hübschen und lebendigen Altstadt.

Nächster Stop war Vergi, ein ehemaliger Marinehafen der Sowjetunion – heute in einem fast unberührten Kiefernareal mit weiten und weißen Stränden gelegen. Die schwierige, weil steinige Einfahrt ist unbetonnt, aber wir haben sie dank der Mitternachtssonne und dem nützlichen Küstenhandbuch “Baltikum” von Jörn Heinrich gut gefunden. Auch hier scheint der wirtschaftliche Betrieb eingestellt worden zu sein – einzig der geschäftige Grenzbeamte zeigt Interesse für uns. Es gibt null Versorgung, man wird jedoch belohnt mit einem wunderbaren Aufenthalt in einem Gebiet, welches sich die Natur zurück zu erobern begonnen hat.

Nach zwei erholsamen Tagen ging die Reise weiter, nun nach St. Petersburg. Per Funk wurden wir gleich nach Grenzübertritt begrüßt und in das “richtige” Fahrwasser gelotst. Immer noch raumen Wind segelten wir unter Blister und Groß auf Kronstadt zu. Diese imposante Stadt- und Marineanlage, heute auch politisch Vorort von St. Petersburg, steht unter dem Schutz der UNESCO – verfällt aber rapide. Von dort ging es dann, wegen anhaltender Flaute, mit Maschine zum Petersburg Seaport Mooring 4. Jetzt ging es ums Ganze: werden unsere Dokumente ausreichen, um die Einreise zu schaffen? In Tallin berichtete ein Segler von einer 12stündigen Prozedur… Ganz ungläubig waren wir, als wir nach 30min aus dem riesigen Abfertigungsterminal wieder draußen waren, und Kurs Yachthafen Kretovskij nehmen konnten. So einen – um guten Sinne – bürokratischen Dienst nach Vorschrift hatten wir hier nicht erwartet.

Noch 30 min unter Maschine und wir lagen gut und fest vertäut im Krestovski Yachthafen.

Am Start : adventure race 80 dg

3. Juli 2011: Um 23 Uhr Ortszeit ist Start zu dieser Segelregatta, die von St. Petersburg durch die karelischen Flüsse und Seen, dann durch den berüchtigten Stalinkanal, durch das Weiße Meer und durch das Nordpolarmeer nach Nowaja Semlja und bis zur Packeisgrenze am Franz – Josephs – Land führt; von dort zurück nach Murmansk. Astrid und ich werden bis Archangelsk daran teilnehmen, dann machen wir uns unabhängig und segeln im Weißen Meer und in der Barentssee mit dem Ziel, Ende Juli im östlichsten Hafen Norwegens

zu sein, in Kirkenes. Wir haben durch Zufall von dieser Ausschreibung gehört, ursprünglich hatten wir den Kurs genau andersherum durch Rußland abgesteckt, aber dann haben wir uns vom Einschreiben an diesem Ausscheid versprochen, deutlich entspannter durch die russische Bürokratie gelotst zu werden. Wir sind gespannt, ob der Plan aufgeht. Vor allem wollen wir kulturell, politisch und im Blick auf diese nördliche russische Landschaft auf Entdeckungstour gehen, die Weißen Nächte erleben, uns in den Hafenorten („Hafenstädte“ schreibe ich hier bewusst nicht) unter die Menschen mischen,und dabei versuchen, einen Blick hinter die Kulissen zu erheischen.

Organisiert wird diese Regatta von der Crew des Schiffes PETER I, die im letzten Jahr erstmalig überhaupt das Abenteuer bestanden und den Nordpol in einer arktischen Saison unter Segeln umrundet hat – eine Folge der vom Menschen verursachten Klimaerwärmung. Elena und Daniel haben in einer unvorstellbaren bürokratischen Meisterleistung für vier russische, eine englische, eine tschechische und eine finnische Yacht und für uns als Crew aus der Bundesrepublik Deutschland die Dokumente besorgt – fast könnte man sagen:erstritten – die für die Einreise nach Russland, für das Befahren der russischen Binnenwasserstraßen, für das Durchfahren der 17 Schleusen, für das Anlegen an etlichen Orten unterwegs und für die Geschwaderfahrt unter Lotsen verlangt werden. Die weiteste Anreise hatte eine Yacht aus Nowosibirsk.

Gestern gab es ein Bankett mit einem umfangreichen russischem Büffet und der Präsentation der Besatzungen aller teilnehmenden Schiffe, heute geht die Zeit mit Bunkern, Behördenformalitäten, Sicherheitsüberprüfungen und letzten Arbeiten an Bord sowie mit Zigarillos rauchen (ich habe mir verordnet, den Wettkampf auf dem Wassern und nicht beim Wodka zu suchen) und Fachsimpeleien in Sprachversuchen dahin, bestehend aus russischen, englischen und deutschen Brocken. Es beginnt, interessant zu werden!

Die Newa hinauf

3. – 5. Juli 2011. Unsere Fahrt die Newa hinauf sollte ich mit „Staunen“ und „Stehen“ beschreiben. Am Sonntag Abend um 7 Uhr war Captain´s briefing. Daniel und sein Organisationsteam stellte uns den Ablauf für die nächsten Tage vor: Wir legen um 23 Uhr ab, jede ausländische Yacht hat kurz vor der ersten St. Petersburger Brücke einen Lotsen an Bord zu nehmen, wir fahren im Konvoi, wegen des starken Stroms der Newa haben wir genügend Abstand zu der Berufsschifffahrt zu halten, der erste Regattakurs wird von Shisselburg über 60 sm auf das gegenüberliegende Ufer des Ladogasees abgesteckt, Start hierzu ist am 4. Juni um 19 Uhr. Doch es kam erstens anders, und zweitens als man plant.

Aber der Reihe nach. Wir legten zwei Stunden später ab und bangten darum, ob wir die Brückendurchfahrten noch schaffen würden. Als sich die Brücken in St. Petersburg dann aber vor uns öffneten und wir in der Weißen Nacht und der erleuchteten Stadt zwischen der Eremitage und der Peter- und Paulsfestung hindurch fuhren, rieb ich mir die Augen und wusste: jetzt sind wir drin. Weiter ging es an den prachtvoll strahlenden Häuserfassaden der Naberezhnaya entlang, an Backbord blieb der Panzerkreuzer Aurora achteraus, und hinter einem großen und schwungvollen Bogen der Newa nach rechts glitt der in das warme Licht der frühen Mogensonne getauchte Smolny mit seinen grünenden Parkanlagen vorüber. Wir fuhren die Newa aufwärts, begleitet von einem Lotsen, der zuvor als alter Fahrensmann auf sowjetischen Frachtern in Europa und Afrika unterwegs war.

Der Gegenstrom nahm deutlich zu und war zeitweise über 5 kn stark, so dass uns unsere Maschinen mit voller Kraft voraus nur im Schneckentempo den bräunlich schimmernden Fluss hinauf schieben konnten. Links und rechts wechselten sich neue Villensiedlungen mit verfallenen Industrieanlagen ab. Vor uns lag ein betagter und rostiger Frachter der VolgoBalt – Flotte vor Anker. An diesem gingen alle Schiffe längsseits und warteten zwei Stunden auf die Öffnung der nächsten Brücke. Als wir schließlich die allerletzte Brücke vor uns hatten, war plötzlich die Fahrt zu Ende: Diese Brücke öffnet heute nicht mehr, wurde per Funk mitgeteilt. Es erging die Anweisung (aus Moskau, wie betont wurde – was soviel bedeutet wie: jede Widerrede ist zwecklos), in der Nähe an einer verfallenen und zerklüfteten Betonpier über Nacht zu warten. Vorsichtig schoben sich acht bunte Segelschiffe an diese heran, nicht wissend, ob nicht unter Wasser liegende alte Betonpfeiler oder Eisenträger harte Manöver erforderlich machen würden. Die Regatta wurde auf den nächsten Tag verschoben, wir hatten einen gemütlichen Abend und eine Nacht, in der wir Schlaf tanken konnten für die vor uns liegenden Ziele.

Am nächsten Morgen standen wir pünktlich um 9 Uhr wieder vor der Newabrücke, vor der wir gestern umdrehen mussten – aber auch jetzt bewegte sich nichts. Wir warteten, hielten uns unter Maschine im Strom, blieben im Konvoi, tranken Kaffee, interpretierten die aus älteren Werften und neuen Villen bestehende Uferbebauung, kochten weiteren Kaffee und bekamen per Funk die üblichen widersprüchlichen Instruktionen – bis sich plötzlich doch etwas tat. Die Brücke ging auf und wir liefen hindurch – um sofort hinter der Brücke wiederum an einem Frachtschiff für mehrere Stunden die Leinen fest zu machen. Diesmal hatten auch die kreativsten Segler unter uns keine Erklärung mehr: der Ladogasee mit der Festung Shisselburg lag fast einen Leinenwurf vor uns, und dennoch blieb uns bis auf weiteres nichts anderes übrig als das, was wir nun schon geübt haben: Warten.

Start verpatzt

5. – 6. Juli 2011. Diese Etappe haben wir komplett in den Sand gesetzt. Wir liefen um 9 Uhr abends aus, um hinter der Ausfahrt von Shisselburg in die erste Wettfahrt zu starten. Im Fahrwasser wollten wir die Segelsetzen – da nickte die SEEADLER vorne über, wir saßen fest. Unmittelbar neben der Fahrrine war eine Sandbank, zum Glück nur Sand und keine Steine, die uns die Weiterfahrt vorerst verdarb.

Nach 15 min waren wir aus eigener Kraft wieder frei, aber unsere sieben Kontrahenten sahen wir nur noch aus der Ferne. Wir setzen erneut die Segel und kreuzten bei leichtem Wind in die für die Startposition angegebene Richtung, konnten aber nicht ausmachen, ob tatsächlich dort ein Start zur ersten Wettfahrt des adventure race 80dg stattgefunden hat. Während wir den Ladogasee unter Segeln befuhren, haben offensichtlich alle anderen Boote – mit Ausnahme der SY KATHERINA aus St. Petersburg – ihre Maschine laufen lassen und waren nach wenigen Stunden aus unseren Blicken verschwunden. Am nächsten Abend um 18 Uhr haben wir, nun auch mit Motorunterstützung, da der Wind ausblieb, das jenseitige Ufer an der Mündung der Svir erreicht und unser Feld wieder gefunden, welches hier offensichtlich schon viele Stunden vor Anker in der Sonne lag und auf uns wartete.

Weiter auf der Svir

6.- 8. Juli 2011: In der warmen Abendsonne gingen die Anker hoch und unsere acht bunten Segler fuhren im Konvoi in die Mündung des Svir. Vor uns öffnete sich eine breite Flußniederung mit grünen sumpfigen Wiesen. Kühle, torfige Luft wehte uns entgegen. In den Schilfgürteln der Ufer lagen Angelkähne, einige aus Holz, andere aus Kunststoff, auch Gummiboote, in denen ein oder zwei Männer ihre Ruten auswarfen. Wir fuhren die Svir hinauf, die sich silbern und samtig durch die saftig grüne Landschaft schlängelte. Auenwälder aus Erlen, Weiden und Birken säumten die Ufer, dahiner Tannenwälder und dort, wo die Uferböschung höher anstieg, standen Kiefern. Ein kleiner Fink verirrte sich in unserer Kajüte.

Manchmal, wenn der Wald von Wiesen und kleinen Feldern unterbrochen wurde, glitten Gehöfte und kleine Dörfer vorüber. Die Siedlungen hier hatten längst nicht mehr den mondänen Charakter wie an der Newa, wir haben den weitläufigen Gürtel der Metropole St. Petersburg inzwischen verlassen. An den Ufer spielten Kinder im Wasser, man lag in der Sonne oder hielt die Angel in den Fluss. Vereinzelt sahen wir Frauen, die ihre Wäsche am Flussufer wuschen. Abends zog der harzige Duft aus den Räucheröfen über das Wasser.

Wir zogen mit unseren Schiffen die Svir hinauf, die uns mit einem milden Strom von 1 – 2 kn entgegen kam. Daniel hatte uns für den Abend einen Ankerplatz vor einem neu errichteten Museumsdorf empfohlen. Hier, in einer weiten Biegung des Flusses, lagen wir vor einer Windmühlenatrappe und einer Vielzahl großer alter Holzhäuser, von denen etliche aus der petersburger und der karelischen Region nach hierher umgesetzt wurden. Andere, in grellen Farben bemalt, sind diesen im Baustil nachempfunden. Das Museum selbst allerdings, eine Sammlung zur ganzen Welt des Wodkas, hatte an diesem Abend bereits geschlossen. Die Bierhalle, die mit großen Schildern zum Bratwurstessen einlud, war leer. Etwas entfernt sahen wir einigen jungen Leuten zu, die sich alte Trachten umgelegt hatten und in alten Handwerken versuchten, dem Brotbacken, dem Töpfern und der Ikonenmalerei, und dafür ziemlich hohe Preise von ihren Besuchern verlangten. Wir schlenderten noch etwas durch das weitläufige und leere Gelände des Museumsdorfes, unseren Gedanken zur Zukunft des russischen Tourismus nachhaengend, und waren froh, nach einem langen Tag unter Maschinenfahrt endlich in die Koje fallen zu können.

Von hier zogen unsere acht Schiffe am frühen Morgen wieder los, auf dem silbernen Scheitel des Flusses, in dem sich das rötliche Licht der Morgensonne spiegelte, weiterhin umrahmt von den tiefen und dunklen Auenwäldern zu beiden Seiten der Ufer. Für Astrid und mich als passionierte Segler ist es nicht ganz leicht, sich dem Rhythmus einer Flussfahrt anzupassen, noch dazu im Konvoi von acht Booten, bei dem ständig das Ruder besetzt sein muss, die droehnende Maschine nur selten abgeschaltet wird und wo im Verlauf der Flussfahrt – im Vergleich zum Segeln auf den Meeren – um einem herum ständig etwas passiert. Man ist fortlaufend „auf Empfang“, miteinander und über UKW – Funk untereinander. Für Abwechslung sorgen die Schleusen und die Brückendurchfahrten, bei denen immer wieder längere Wartezeiten entstehen. Dann gehen die Anker auf Grund, und diese Pausenzeit wird genutzt für einen erfrischende Sprung ins Wasser oder einfach nur zum Schlafen.

Der Fluss der Svir wird von zwei Schleusen und einem Wasserkraftwerk unterbrochen, mehr Wasserbauwerke sind uns hier nicht begegnet. Vor allem ist dem dahin fliessenden Gewässer keine Begradigung aufgezwungen worden, so dass er sich mäandern und natürlich durch die fruchtbare Landschaft bewegt. Dieser Fluss wird als Transportweg für die Ölversorgung genutzt. Immer wieder mussten wir Tankern ausweichen, die sich scheinbar lautlos an uns vorbei bewegten. Und ein paar Kreuzfahrtschiffe, mit fotografierenden Passagieren zu beiden Seiten der Decks. Die wenigen Industrieanlagen und deren mächtige Schlote waren inzwischen verfallen und werden zurück erobert von der um sich greifenden Natur.

Über den Onega

8. – 11. Juli. Für den Onegasee hatten wir eindeutig zu wenig Zeit. Hier müssen wir unbedingt einmal unsere Ferien verbringen, meinten Astrid und ich gleichermaßen. Wir setzten am Freitag abends um 23 Uhr in Vosnezenie unseren Blister und überließen uns in dieser hellen Nacht auf dem spiegelblanken Wasser dem leichten, wärmenden Südost, den rötlichen Sonnenhorizont immer voraus. Unsere Kontrahenten hatten ihre farbigen Spinnaker hoch gezogen, und schnell zeigte sich, dass dort, wo mindestens zwei Segler aufeinander treffen, immer eine Regatta ist: es zupfte ständig in den Fingern. Wir hielten mit, obwohl natürlich der Blister gegenüber einem Spinnaker vor dem Wind klar im Nachteil ist, schon allein deshalb, weil ich für die SEEADLER ein betont kleines Exemplar habe schneidern lassen. Aber dank strategisch weitsichtiger Entscheidungen der SEEADLER – Crew blieben nicht wir, sondern die anderen Schiffe im Flautenloch liegen.

Wir zogen und schoben mit jedem Windhauch Meile um Meile nach Norden. Eine „Regatta“ im klassischen Sinne gab es nicht, kein Start, keine Tonnen zum Runden, keine Zielline – wir segelten jedoch über Stunden im Feld von acht Booten über den See, verbunden über Funk, und im Gespräch über alles, was man tun könnte, um den See und seine weiche Landschaft als Segelrevier zu erobern.

Dazu zählen die Petroglyphen an den Ufern dieses Sees, die über uralte Verbindungen von Magie und Kunst erzählen wollen. Auch vor den wunderschönen Inseln mit dem kräftigen Grün hinter den hellen und einsamen Stränden und Buchten konnten wir leider nicht vor Anker gehen. So blieb uns auch die einmalige Kulturlandschaft des Saonesch verborgen; oder besser das, was von dieser nach den verschiedenen Umbrüchen und Zerstörungen der vergangenen einhundert Jahre noch wahrgenommen werden kann. Auch die Regionalhauptstadt Petrosavodsk blieb an backbord achteraus. Wir nahmen Kurs auf Kishi und machten die Leinen dort hinter dem Anleger fest, der für die Kreuzfahrtschiffe gebaut worden ist.

Auf Kishi, einer langgestreckten flachen Halbinsel, werden heute karelische Häuser und Kirchen bewahrt sowie Zeugnisse einer verschwundenen und verwunschenen Lebenskultur von Bauern und Fischern. Teilweise wurden diese nach hierher umgesetzt. Durch die Zerstörungen der Finnen im Krieg gegen die Sowjetunion sind hunderte wunderschöne Holzkirchen gezielt gebrandschatzt. Heute ist dieser fruchtbare Landstrich fast völlig entvölkert, die Dörfer sind leer und verfallen, Arbeit gibt es nicht. Und wenn doch hier oder da Leben in einem der Anwesen zu entdecken ist, dann sind es Sommergäste. Wir trafen ein älteres Ehepaar aus St. Petersburg, die am Onegasee ein betagtes Bauernhaus als ihre Datsche eingerichtet haben.

Als wir am Montag morgens um 3 Uhr vor der ersten Schleuse des Stalinkanals standen, haben wir über den Onega, dessen Wasser sauberer sein soll als das des Baikal, auf alles Ungesehene und Unbesuchte zurück geblickt und uns mit dem festen Versprechen aus dieser Etappe verabschiedet, mit viel Zeit noch einmal hierher zurück zu kommen.

Der Kanal

11. – 12. Juli. Morgens in der Frühe um 3 Uhr standen, wiederum unter rötlichem Himmel des Nordens, sieben Segelschiffe vor der ersten Schleuse des Stalinkanals. Vor uns ein über 10 Meter hohes Schleusentor aus Stahl, links und rechts bedrückend massive Betonwände, die das Bauwerk sichern. Über das Wasser zieht der harzige Geruch von Kiefern und Tannen, deren Wipfel sichtbar wurden, als das erste Schleusentor sich öffnet. Niemand von uns wusste, wie viele Menschen beim Bau dieser Verbindung zwischen Ostsee und Nordmeer ihr Leben lassen mussten. Die Angaben schwanken von 40000 bis zu 100000 politischen Lagerhäftlingen, die auf Befehl Stalins in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts hier starben. Ich lese im Archipel Gulag von Alexander Solschenizyn. Man hört, dass bereits ein Spatenstich am Ufer ausreicht, um menschliche Gebeine ans Tageslicht zu holen.

Der Kanal ist 120 Meilen lang und wird unterteilt von 19 Schleusen, die meisten davon sind Doppelschleusen, so dass wir über 30 mal geschleust werden müssen. Zuerst geht es in sieben kurzen Abständen Schleuse um Schleuse hinauf, dann nach und nach wieder hinunter. Auf alten Bildern bestehen die Schleusenwände und – tore aus Baumstämmen, die die Lagerhäftlinge in den Wäldern in der Umgebung schlugen und am Kanal verbauten. Sie taten dieses mit der Nacktheit ihrer Hände, die erleichternde Hilfe von Maschinen wurde ihnen vorenthalten. Auch der Aushub des Kanals, die schweren Erdarbeiten, das Aufschichten der Wälle und Dämme, der Abtransport des Bodens mussten durch der bloßen Hände Arbeit mit einfachen Werkzeugen verrichtet werden. Stalin selbst blieb der Eröffnungsfeier des Kanals fern, zu schnell hatte er erkennen müssen, dass es weder eine wirtschaftliche noch eine militärische Begründung für dieses Bauwerk gab. Wir haben bei unserer Durchfahrt eine einzige Schiffsbegegnung gehabt, ein Kreuzfahrtschiff, welches mit fröhlich winkenden Touristen zum Onegasee unterwegs war.

Der Kanal zieht sich durch dunkle und tiefe Nadelwälder, die sich mit niederen feuchten Auenlandschaften abwechseln. Industrie- und Hafenanlagen zu beiden Seiten der Ufer verfallen und rosten vor sich hin, und bei den Siedlungen, durchweg in Holz errichtet, ist nicht immer erkennbar, ob die Häuser schon aufgegeben oder noch bewohnt sind. Windschief und altersschwach neigen sie sich der Erde zu. Manchmal ist eine Leine mit bunter Wäsche zwischen den Häusern gezogen, sie wirkt fremdartig alltäglich in einer Welt, die verfällt. Den sichersten Hinweis darauf, ob wir durch bewohntes Land fahren, erhalten wir von den Kindern: es wird uns gewunken, aus dem Wasser, gerufen und versucht, uns schwimmend hinterher zu kommen.

Als wir dann am nächsten Abend, kurz vor Mitternacht, die letzte Schleuse hinter uns lassen konnten, gingen sofort alle Segel hoch, Belomore blieb achteraus und der Bug unserer Schiffe richtete sich voller Erwartungen auf dem Weißen Meer nach Norden: auf die Solovezki – Inseln zu.

Himmel und Hölle

12. – 14. Juli 2011. Unter blutrotem Himmel sind wir an den Kirchen des Solovezki – Klosters vorbeigelaufen. Im Sommer ist der Nachthimmel über dem Weißen Meer rot. Wir haben die SEEADLER an einer kräftigen Pier aus rostigem Eisen und Beton festgemacht, die an die Zeit der Nordmeerflotte erinnert, welche ab den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts von der Sowjetmacht hier stationiert wurde. Mit uns lagen hier ein dutzend Segler aus der Region, die sich zu einem Segelwettbewerb getroffen haben.

An Land sahen wir etliche verfallene Boote und rostige Kähne liegen. In einem alten, unbrauchbaren Ruderboot saßen zwei russische Mütterchen und pflegten in der Morgensonne ein Schwätzchen. Im Hafengelände erwachte das Leben, die aus Holzbalken gezimmerten Souvenirshops öffneten mit ihren Kartenständern, ein Tischchen wurde aufgebaut und verschiedene Artikel aus Pelzen darauf ausgebreitet. Hinter dem Hafen, auf einem Hügel, stand abgezäunt ein Wachturm. Ein Holzgerüst, blau angestrichen, daran eine Leiter und oben drauf ein verriegelter Beobachtungspunkt, ein Schlitz eröffnete den ehemaligen Bewachern dieses Geländes die Möglichkeit, alles, was sich im Hafenbereich bewegt, scharf in den Blick zu nehmen. Auf dieser Inselgruppe verloren zur der Stalinzeit über 40000 politische Häftlinge ihr Leben. Im Archipel Gulag beschreibt Alexander Solschenitzin das Unbeschreibliche. Einige Lagerbaracken und Häuser in dem für diese Gegend typischen Holzbaustil zeugen von der damaligen Zeit. Im SLON – Museum und im Museum des Klosters sind Dokumente ausgestellt, Texte und Bilder, die den Betrachter in die damalige Zeit hinein zu führen versuchen. Es kostet mich Kraft, die Bilder von den Besuchen im KZ Buchenwald zurück zu drängen.

Wer dann vom Hafen den unbefestigten Weg nach rechts ins Dorf nimmt, hat auf diesen 30 Minuten Fußweg die hölzernen Zwiebeltürme des Klosters und deren massigen Mauern aus Fels vor sich, die diesem Ort in den vergangenen Zeiten Schutz zu verleihen versucht haben – und das nicht immer ohne Erfolg. Über die Mauern hinaus aber ragen die in der Sonne hell und weiß leuchtenden Türme der Verklärungs – Kathedrale. Rechter Hand eröffnete sich ein Blick auf die paradisische Landschaft dieser Inselgruppe mit grünen Wiesen, blauen Buchten und kräftigen Wäldern. Die alten Möche wussten, an welchem Ort sie zum Lobe des Schöpfers ihre Kirchen bauten. Wir kamen an kleinen Kapellen vorbei, dann an Ständen, wo Fahrräder zum Inselbesuch verliehen werden, und an kleineren Gehöften. Der traditionelle Baustoff in dieser Gegend für Wohnhäuser ist Holz. Es war nicht klar auszumachen, welches dieser altersschwachen Anwesen noch bewohnt oder welches schon dem restlosen Verfall preisgegeben war. Uns kamen zwei Muschiks entgegen, über die Schultern je eine Angel geworfen, untergehakt, die die gesamte Breite des Weges für sich brauchten und beim Angeln einige Flaschen geleert haben mussten. Im hinteren Teil der Siedlung stießen wir auf ein Haus, bei dem die Tür zur Latrine offen stand und einen furchtbar ätzenden Gestank entließ.

Unser Weg setze sich fort, wir gelangten durch das Hauptportal in den inneren Hof des Klosterensembles. Kiesberge waren neben frischen Blumenrabbaten zu finden, Frauen und Männer, die Putz von den alten Wänden klopften, Baufahrzeuge, die den Schutt abfuhren. In einer schattigen Ecke verkaufte eine Studentin Hefebrötchen und Kwas an die zahlreichen Touristen. Ein Bus fuhr auf das Gelände, am Steuer ein schwarz gekleideter junger Mönch, der Besucher aus der 15 km entfernt liegenden Einsiedelei „Christi Himmelfahrt“ zurück brachte. Wir gingen weiter, durch das Portal der Kathedrale, ließen uns von dem schwebenden Gesang eines Männerchores leiten, der sich allerdings als Musikkonserve entpuppte, und standen dann vor dem prachtvollen Ikonostas dieser Kirche. Im Zentrum der Bilderwand das vergoldete und reich geschmückte „Tor zur Ewigkeit“, eine Tür, die sich während des Gottesdienstes öffnet. Durch diese Tür schreitet der Priester beim Feiern der heiligen Liturgie hindurch und eröffnet mit seiner Lesung, mit dem Gesang des Chores, mit Düften und Ölen sowie mit Brot und Wein eine sinnlich erfahrbare, metaphorische Begegnung des Gäubigen mit dem Ewigen.

Hier stand ich eine Weile. Ich habe dem nachgespürt, was auf den Solowetzki Inseln geschehen sein mußte. Und wie das Geschehen des letzten Jahrhunderts in der Tiefe der hier lebenden Menschen nachwirken mag. Verstehen kann ich es nicht, es ist wie Himmel und Hölle gleichzeitig begreifen zu wollen. Ich kann bestenfalls versuchen, mich zu öffnen und wahrzunehmen, was mir entgegen kommt, aber auch schon das bringt mich an meine Grenzen. Denn auf diesen Inseln lodert die Geschichte Russlands gleichsam wie in einem Brennglas.

Feuer an der nördlichen Dwina

14. – 16. Juli. Abends um 10 Uhr warfen wir die Leinen los, segelten an Solovezki östlich herum, meditierten vor den Ufern der Großen Zajatzki – Insel und deren Klosterkirche länger über das hier vergangene spirituelle Leben und fanden uns unvermutet in einem quirligen Wasserstrom wieder. Mit 10 Knoten wurden wir fast bei Windstille nach Norden geschoben, um uns herum brodelte es beängstigend, aber der Blick auf das Lot bestätigte immer wieder: wir haben mehr als 20 m Wasser unter dem Kiel. Es ist enorm, was der Gezeitenstrom für Kräfte entfaltet! Die Wassertemperatur sank von 20°C auf 7°C herab.

Wir umrundeten am nächsten Morgen im Frühdunst die Insel Zhisginsgki und nahmen nun Kurs Südost, vor uns noch 90 Seemeilen bis zur Mündung der nördlichen Dwina. Am Horizont zu steuerbord stand über Land weißer Rauch. Es dauerte ein wenig, bis wir alle für Russland in Frage kommenden Brandherde durchgegangen sind und die Ursache des Qualms als Waldbrand identifizierten – inzwischen auch mit Hilfe unserer Nasen.

Als wir dann von der Flussmündung an stromaufwärts fuhren, nahm die Rauchentwicklung beängstigend zu. Zeitweise waren die Ufer der Dwina nicht mehr auszumachen. Der Brandgeruch lies auf trockenes Nadelholz schließen. Wir fuhren an Holzhäfen vorbei, in denen lange Reihen mit geschlagenen Tannenstämmen aufgeschichtet waren. Vor den Ufern lagen kilometerlange Baumflöße, die schon eine längere Flussfahrt hinter sich zu haben schienen. Der Brandnebel vermischte sich mit dem Frühnebel, ätzte in den Augen und kratze im Hals. Wir fuhren weiter stromaufwärts, vorbei an verfallenen Industrieanlagen, an Fischerei- und Frachthäfen, an ein paar rostigen Kriegsschiffen, dann an der Kulisse der Stadt Archangelsk, die fast ein wenig amerikanisch erschien, und machten am Sonnabend früh um 7 Uhr an einem öligen Werftkran älteren Semesters unmittelbar vor dem Trotzki – Platz im Stadtzentrum fest.

Auch die Stadt lag in dünnen weißem Nebel. Die Menschen querten die Strassen, hüstelnd, schwitzend, aber schienen die Folgen der Feuersbrunst eher ergeben hinzunehmen, fast wie das Fügen in höhere Gewalt. Ich war verabredet mit einer Ärztin, die ich ein paar Tage zuvor auf den Solovkezki – Inseln traf. Diese jedoch ist mit ihrer Familie vor den gesundheitlichen Schäden des Feuers geflohen und hat für diese Tage Zuflucht in einer Datsche gefunden, die jenseits der brennenden Wälder liegt.

In Archangelsk blieben wir drei Tage. Wir erlebten den großen Markt mit Händlern bis aus dem südlichen Krasnodar vom Schwarzen Meer. Sie brachten Melonen, fruchtige Kirschen, trockene Feigen und Datteln, Gewürze und Hammelfleisch. Wir schauten uns die alten, aus Holz gezimmerten Häuser an und die neuen, zwölfgeschossigen Betonplatten. Das Arctic – Museum schlug uns in seinen Bann, welches dem malenden Nordmeersegler Alexander Borisov eine Ausstellung widmete. Borisov befuhr im 19. Jhd. die Karasee und weitere Gebiete des Nordmeeres und besuchte die auf den polaren Inseln lebenden Inuit, denen er mit seinen hellen und warmen Gemälden ein eigenes kleines Denkmal geschaffen hat.

Am letzten Abend, den wir hier gemeinsam erlebten, gab es am Strand der Dwina eine Beachparty. Bei Grillfleisch, Salaten, russischen Bier und Wodka wurden die gemeinsamen Tage bewertet, Pläne für die nächsten Unternehmungen geschmiedet, Zettel mit Adressen ausgetauscht; die Tschechen spielten auf dem Schifferklavier und der sibirische Kapitän der PERSEJ auf der Gitarre (eine Balaleika war leider nicht greifbar). Wir alle haben nicht nur die Binnenwassertrassen eines kleinen Gebietes im riesigen Russland, sondern auch uns selber in unseren verschiedenen Lebensstilen kennen gelernt und uns, mit ehrlichem Herzen, ein Auf – Wiedersehen zugesagt.

Nachdem die Behörden ihren letzten Stempel auf unsere Dokumente setzen, warfen wir am Dienstag nachmittag um 4 Uhr die Leinen vom Schwimmkran wieder los, starteten den Diesel, motorten die Dwina hinab, legten später die rauchgeschwängerte Kleidung zum Lüften auf Deck und Reling aus und verabschiedeten uns winkend und grüßend von PETER I und der finnischen LENA. Diese starteten zur zweiten Etappe des adventure race 80dg und nahmen Kurs auf das Franz – Josfs – Land, während die deutsche SEEADLER, die englische Yacht WILLIWAW und die Prager BAGATELLA in gemütlichen 8 bis 10 Tagen in Norwegen sein wollten. PERSEJ aus Novosibirks und die russische ELENA kehrten auf der selben Strecke zurück, auf der wir alle hierher gekommen waren: nach St. Petersburg.

Weißes Meer und graue Barentssee

19. – 26. Juli. Um Mitternacht haben wir die Mündung der Dwina erreicht. Im Logbuch sind seit St. Petersburg 110 Motorstunden eingetragen, Flussfahrten, Kanalfahrten, Flautenfahrten über die Seen. Ich bin froh, endlich den Motorlärm hinter mir lassen zu können – ein Segelschiff ist eben doch etwas anderes als ein Motorboot. Vor uns liegt die offene See.

Wir springen alle noch einmal kräftig in die Fluten. Mit an Bord ist ein drittes Crewmitglied, Anders aus Stockholm, der seine Erfahrungen vom BT – Challenge round the world in den Schiffsalltag einbringt. Dann geht der Blister hoch. Das silberne Gesicht des Meeres berührt sich mit lichtgrau schimmernden Himmel, im Norden hängt wie ein wallender Vorhang eine zartrosa leuchtende Wolkendecke herab, die Sonne ist soeben hinter dem Horzont verschwunden. Von hinten schaut auf uns der abnehmende Mond, satt und gelb. In die Stille der Nacht gurgelt leise die SEEADLER und zieht ein wunderschönes Kielwasser durch das Weiße Meer.

Unseren erster Ankerplatz finden wir in Lee der Sosnovski – Insel. Gegenüber von uns liegt ein Versorgungsschiff der russischen Marine. Spannend ist für uns, wie die russische Küstenwache mit uns umgehen wird. Im Ergebnis waren wir dann sehr positiv überrascht. Bei allen drei Ankerplätzen, die wir in russischen Hoheitsgewässern aufgesucht haben, wurden wir immer freundlich begleitet. Wir mussten unsere Zeitplanung angeben – mehr nicht. Und unterwegs wurden wir etwa alle sechs Stunden nach unseren Positionsdaten gefragt.

Am 23. Juli morgens um 9 Uhr haben wir die Halbinsel Svatoi Nos querab. Das Weiße Meer liegt achteraus, vor uns nun die Barentssee. Es ist erstaunlich, wie unterschiedlich diese beiden Seegebiete des Nordens sind! Das Weiße Meer gab sich leichtwindig, mit lebendiger, quirliger Strömung, zartrosa der Himmel und weich die Luft. Ganz anders die Barentssee. Wir hatten kräftigen Wind, graues Wetter, Regen und zeitweise dichten Nebel.

Unseren letzten Ankerplatz fanden wir in der Mündung eines kleinen Flusses; wir ankerten unmittelbar vor der Ortschaft Drosdovska. Der Reiseführer, erschienen im Jahr 2005 in einem Moskauer Verlag, versprach eine kleine Siedlung und betonte, dass diese regelmäßig von dem Passagierschiff KLAUDIA ELANSKAYA auf der Route Murmansk – Ostrovnoi – Archangelsk angelaufen wird. Wir gingen mit dem Dinghi an Land, fanden jedoch ein seit Jahren verlassenes Gebiet vor, mit verfallenen Häusern, zerrotteten Wasserleitungen, leeren rostigen Ölfässern und einem stählernen Wachturm, der sinnlos in den Himmel ragte. Pünktlich um 10 Uhr des nächsten Tages wurden wir von einem Hubschrauber der Küstenwache observiert. Ich hatte am Tage zuvor etwas leichtsinnig unsere Abreise auf diese Zeit festgelegt und nach dorthin mitgeteilt. Nun lagen wir hier in einem Funkloch, und waren nur noch auf diese Weise erreichbar…

Weiter ging die Fahrt, immer an der Kola – Halbinsel entlang, an der Ansteuerung Murmansk vorbei, im Nebel, bei nachlassendem Wind und zeitweise feinem Regen. Über Funk haben wir von der englischen Yacht WILLIWAW erfahren, die wie wir nach Kirkenes unterwegs ist, dass ihre Maschine ausgefallen sei. Diese tauchte im Frühnebel des 26. Juli vor uns auf. Als wir WILLIWAW auf dem Haken hatten, um sie im Schlepp mit nach Kirkenes zu nehmen, erschien plötzlich wie aus dem Nichts ein blaues Schiff der russischen Küstenwache. Es setzte ein Schlauchboot ab, welches mit rasanter Geschwindigkeit auf uns zu kam. Nun waren wir gespannt: noch 10 Meilen, und die russischen Hoheitsgewässer liegen achteraus. Zwei Offiziere kamen zu uns an Bord, zwei stiegen zur WILLIWAW über. Ich habe sämtliche Dokumente und Unterlagen auf dem Kajüttisch ausgebreitet. Die Herren zeigten sich interessiert, freundlich, umständlich und unsicher. Ich hatte auch bei diesem, wahrscheinlich letzten Besuch des russischen Staates an Bord, wieder den Eindruck, dass die unterste Ebene der Beamtenschaft nicht mit uns, sondern mit den eigenen Vorschriften und Vorgesetzen ein Problem hat. Uns brauchte man, um deren Problem zu lösen. So füllten wir gemeinsam fleißig und kreativ etliche Formulare aus, und nach einer Stunde waren wir wieder unter uns.

Nach neun Stunden Fahrt unter Maschine haben wir dann abends um 18 Uhr an einem kleinen Anleger in Kirkenes unsere Schiffe festgemacht, besichtigt und beraten von etlichen interessierten Männern aus der Umgebung, die uns mit Hinweisen zu Duschen, Strom und Wasser zur Hilfe eilten und uns damit einen wunderschönen Empfang in dieser norwegischen Grenzregion bereitet haben.

Bilanz: Rückblick auf die Russlandreise

Wir kommen wieder! Das ist die Bilanz dieser Reise. Es war ja mehr ein Zufall, wie so oft im Leben, der die Ausschreibung zum ADVENTURE RACE 80DG auf den Kartentisch der SEEADLER hatte flattern lassen. Der erste Plan war, genau andersherum, nämlich im Uhrzeigersinn, um Skandinavien herum zu segeln.

Dann aber haben Astrid und ich kurzerhand entschieden: hier machen wir mit. Vor allem die ausufernden Behördenformalitäten, vom Visum über die Sicherheitsstandards bis zur letzten Lotsenpflicht, und alles mit einem bislang nicht vorhandenen Dolmetscher an Bord, haben uns auf diesen Kurs gehen lassen. Astrid und ich haben uns kurz zuvor kennen gelernt, wir schmiedeten beiden am gleichen Plan, und so taten wir uns zusammen. Die Startgebühr betrug 2000 €, weitere Ausgaben – außer für den persönlichen Verbrauch – gab es nicht. Darin waren alle Lotsen-, Schleusen-, Brücken- und Behördengebühren enthalten.

Die erforderlichen Papierseekarten hat mir Jochen Storbeck von der PETRINE ausgeborgt, der diesen Törn, andersherum, bereits zwei Mal gemacht hat. Ich habe dann die aktuelle Version von C-Map an Bord genommen. Die Karten für den Stalinkanal haben wir an der ersten Schleuse für umgerechnet 100 € gekauft. Die russichen Sicherheitsstandards lehnen sich deutlich an die auch in Deutschland geltenden Sicherheitsvorschriften, herausgegeben von der Kreuzerabteilung des DSV, an.

Der Aufwand, so eine Reise auf eigenem Kiel eigenständig zu organisieren und dann auch durchzuführen, ist unvergleichlich höher. Auch die Nachteile einer Geschwaderfahrt, die eigenen Themen und natürlich die eigenen Zeitvorstellungen zurück stellen zu müssen, wogen für uns den Vorteil nicht auf. Elena und Daniel haben in unendlicher Geduld, mit Kreativität und natürlich mit der erforderlichen Erfahrung die Hürden der russischen Bürokratie genommen. Und die sind hoch, für den Unkundigen wie ich es bin sind sie vor allem nicht einmal erkennbar. Eine wesentliche Erfahrung wurde: das Warten.

Unergründlich, warum und worauf wir warten mussten, sei es vor dem Ein- und Ausklarieren, sei es bei der Übernahme der Lotsen, vor Brücken und Schleusen, bei der Kontrolle durch die Coast Guard – Warten, auf dass der Vorhang sich öffnet, ohne zu wissen, was dahinter geschieht. Wir haben vor einer Brücke über die Svir einmal weit länger als zwölf Stunden gewartet, bis sich dann urplötzlich und fast wie durch höhere Gewalt die Brücke auftat und wir uns sputen mussten, diese Durchfahrt nun nicht zu verpassen.

Von Vorteil war auch, dass hier acht Mannschaften aus fünf Ländern gemeinsam unterwegs waren. Irgendwie hatten wir alle die gleiche Wellenlänge, wenn auch die Sprachbarrieren nicht zu überhören waren. Wir saßen mal in diesem, mal in jenem Cockpit, trafen uns zum Grillen und Musizieren oder schlenderten gemeinsam über die Märkte der Stadt. Am Ende wurden kreuz und quer Mailanschriften ausgetauscht.

Acht bunte Segler waren also 15 Tage und Nächte lang gemeinsam von St. Petersburg unterwegs nach Archangelsk, davon fuhr die SEEADLER insgesamt 110 Stunden mit Maschine (wir haben allerdings im Vergleich die meiste Zeit gesegelt – und dennoch diese vielen Motorstunden…). Die Brückendurchfahrten habe ich nicht gezählt, geschleust wurden wir ca. 35 mal. Die erste Etappe des ADVENTURE RACE 80 DG beendeten sechs Schiffe in Archangelsk, zwei, nämlich die PETR I und die finnische LENA, segelten weiter zum Franz – Josefs – Land und wollen ihren Törn in Tromsö abschliessen. Die LENA nimmt dann Kurs auf den sibirischen Fluss Lena und will auf diesem bis Jarkutsk hinauf fahren, um dort zu überwintern. Die tschechische BAGATELLA, die englische WILLIWAW und die deutsche SEEADLER segelten von Archangelsk, wo wir auch ausklariert haben, in das norwegische Kirkenes. Die PERSEJ aus Novosibirsk und die ELENA aus St. Petersburg kehrten auf dem selben Weg zurück an die Ostsee, und die russische KATARINA ist bereits vorher in den Hafen von Petrosavodsk eingelaufen.

Überrascht war ich von der Unberührtheit der Svir, deren Flußbett sich, anders als unsere Ströme in Mitteleuropa, mäandernd durch die grünen Auenlandschaften schlängelt. Lust bekommen habe ich auf den Onega, von dessen Natur- und Kulturlandschaft wir nur einen ganz kleinen Zipfel erkennen konnten. Mehr Zeit würde ich mir gerne für die persönlichen Begegnungen nehmen, und dafür die Sprache noch einmal auffrischen! Das himbeerfarbene Licht auf den Meeren, die Tundra an den Küsten im Norden, die zupackende Hilfsbereitschaft der Menschen – alles das lädt zu neuen Aufbrüchen nach Russland ein.

Bei einer fröhlichen Siegerehrung am Ufer der nördlichen Dwina in Archangelsk wurde jeder Kapitän mit wohlmeinenden Worten und mit einem Preis bedacht. Bewertet wurde allerdings nicht nur, wie schnell das Schiff war (es gab auch keine klassischen Starts), sondern das, was in einer solchen Geschwaderfahrt gefordert wird. So bekam die Crew der SEEADLER einen Preis in Gestalt einer Flasche Wodka „Komandirskaya“ für, wenn ich richtig gehört habe, ihre umsichtige und integrierende Beteiligung an diesem race.

Wir haben in viel zu kurzer Zeit so faszinierende Segelreviere wie den Onegasee kennen gelernt, wir haben interessante Begegnungen auf der ganzen Strecke mit dort lebenden Russen gehabt, wir haben schillernde Orte der russischen Geschichte aufgesucht, die wie im Brennglas gelodert haben, wir haben Freunde gefunden – als Bilanz steht für mich fest, dass dieses nicht der letzte Törn der SEEADLER in russischen Gewässern gewesen ist.

Norwegens hoher Norden

2. – 14. August. Nass und in allen Schattierungen grau hingen die Himmel ins Meer, als Theo und ich, von Kirkenes kommend, auf das Norkap zu segelten. Es war kalt, die See kam über, das Wetter zeigte sich so abweisend, wie man es von dieser nördlichen Region wohl auch erwarten darf. Mit Stefanie hatten wir uns in Hammerfest verabredet, diesen Termin konnten wir nicht halten. So trafen wir uns unmittelbar hinter dem Nordkap in Honningsvag, wir über die See und Stefanie mit der Fluglinie Wideroe, welche allabendlich an sämtliche Ortschaften im hohen Norden ein paar Fluggäste absetzt.

Von dort segelten wir zwischen den fantastischen schneebedeckten Bergen entlang. Außer ein paar Fischern und der Hurtigroute waren wir in dieser wilden Landschaft auf unserer SEEADLER allein. Stündlich änderte sich das Panorama, mal wurden Himmel, Berge und Meer von der Sonne in das himbeerrote Licht des Nordens getaucht, mal schoben sich schwere Wolken, wie Kuheuter so fett, über die Gipfel, mal trieb uns ein kräftiger Fallwind mit Rumpfgeschwindigkeit an den Berghängen entlang, dann wieder lagen wir wie festgezurrt auf dem silbrig und glatt glänzenden Meer.

Wir erreichten Tromsö und machten die SEEADLER im Stadthafen fest, gleich gegenüber der weißen Eismeerkirche. Dort hörten wir eine wunderschöne Abendmusik mit samischen Liedern, begleitet mit Trompete und Orgel.

Und weiter ging die Reise, wieder zwischen den hohen Felswänden der norwegischen Küstenlandschaft entlang. Diese aber wurden merklich weicher und grüner, die Tundra wich zurück und und je weiter wir nach Süden kamen, desto mehr Wälder und dann auch Felder waren zu bemerken. Wir fuhren durch den Raftsund und bogen in den Trollfjord – der Königstuhl Norwegens – und waren berührt von dieser großartigen Kathedrale der Natur. Abends fanden wir immer einen sicheren Ankerplatz. So erreichten wir pünktlich Bodö, so dass Theo und Stefanie ihren Flieger erreichten, und ich auf Andreas wartete, der den kommenden Abschnitt bis Bergen mit dabei sein wollte.

Nordatlantische Küstenlandschaften

14. – 20. August. Landschaften, Landschaften, Landschaften. Wir haben sie alle gesehen und uns an ihnen gefreut, die Berglandschaften, Insellandschaften, Wolkenlandschaften, Meereslandschaften des Nordatlantik. Von Bodö aus segelten wir, Andreas und ich, an der Küste entlang nach Bergen. Über den grünen Hügeln an backbord lagen manchmal leichte Wolken wie Watte so weich, manchmal auch schwere graue Regenwolken. Der Himmel über dem Nordatlantik an steuerbord war meist blau.

Die westlichen und nördlichen Winde lassen die feuchte Meeresluft über dem Festland aufsteigen, die dann das Wasser nicht mehr halten kann. Norwegen ist auch ein reich an Wassern gesegnetes Land.

Wir segelten, genossen die Einsamkeit, die Zweisamkeit. Kann es eine Energiegewinnung ohne Schuld geben, fragten hier zwei Theologen, und: Gibt es nach christlichem Schöpfungsverständnis Maßstäbe für eine „gute Energieerzeugung“?

Einziger Zwischenstopp war die weit draußen liegende Insel Ona, heute ein Ort fast nur für Sommergäste und für Künstler. Die Fischer und ihre Familien, die über Jahrhunderte auf dieser Insel lebten und arbeiteten, gibt es hier fast nicht mehr. Der einzige Laden für Lebensmittel schließt bereits mittags um 12 Uhr, kurz nachdem die Fähre wieder abgelegt hat.

Wir segelten mit nördlichen Winden nach Süden, ideale Arbeitsbedingungen für unseren Blister. Allerdings schlief Rasmus auch mal ein, so dass die Strecke zum Ende hin etwas zu lang wurde. Wir machten auf der Insel Fedje fest, 25 Seemeilen vor Bergen, wodurch Andreas seinen Flieger nach Hause erreicht hat – einchecken auf dem Flughafen war am Sonntag früh um 5.30 Uhr festgesetzt!

Über die Ostsee Richtung Heimat

20. – 30. August: Auf die letzte Etappe ging es einhand, über das graue und wilde Skagerak und über das blaue und klare Kattegat. In Egersund an der Südküste Norwegens wartete ich eine halben Tag Flaute ab, auf Anholt lies ich eine Gewitterfront durchziehen und in Kopenhagen genoss ich einen kleinen Besuch im Café; und an der Kadettrinne kreuzte ich das Kielwasser der SEEADLER vom 22. Mai 2011: ein wunderbares Gefühl, nach knapp einem viertel Jahr um den nördlichen Teil Europas herum gesegelt zu sein.

Es ist eigenartig: Auf diesem letzten Törn, besonders dann von Kopenhagen über die Ostsee, hatte ich so viel Wind wie in den ganzen acht Wochen vorher nicht. Überhaupt haben mich am meisten die Wetterbedingungen im hohen Norden überrascht: ich musste dort oben nur einmal den Sturmklüver auspacken, und das auch nur für nicht einmal eine Stunde. Vom Skagerak an war dieses dann die Standardbesegelung. Überraschend war für mich dort oben auch das milde Wetter, die wärmende Sonne und das zarte Licht, welches vor allem nachts in verschiedenen Pastelltönen den Himmel verzaubert – ganz anders als zuhause, von wo mich schauerhafte Berichte über das Ferienwetter erreichten.

In Warnemünde schloss sich dann der Kreis, hier machte ich nach mehr als 4200 sm die SEEADLER fest, nach einem aufregenden, anregenden und an neuen Begegnungen reichen Segelsommer 2011.